returning zone von Rahel Müller

Wer Rahel Müller ist: 1964 geboren in St. Gallen, wohnt in Zürich, arbeitet in Pfyn TG.
1985–1990 Studien Kunstgeschichte, Philosophie und Psychologie an der Universität Zürich.
Seit 1990 freiberuflich als Kunstschaffende tätig in den Bereichen Malerei, Fotografie, Installation,
Performance, Text, Kunst und Bau. www.rahelmueller.com

„returning zone – 160 cm x 120 cm, Pigmente auf Leinwand, 2015
„returning zone – 160 cm x 120 cm, Pigmente auf Leinwand, 2015

Rahel Müller über die Entstehung dieses Werkes

„Seit einigen Jahren male ich immer wieder Leinwände mit einem Punkteraster auf verdichtetem Hintergrund. Das Konstruktionsprinzip ist einfach: Es sind auf jeder Linie gleich viel Punkte. Aber Abstand und Dichte variieren. Es geht nicht darum, einen möglichst regelmässigen Verlauf zu erzeugen, eher, Fehler, Reibung und Unregelmässigkeit zuzulassen. Wie es im Leben auch ist: Es ist nicht immer alles so schön und so geordnet.

Seit Jahren schrieb ich auf Twitter immer wieder mal mit dem Berliner Schauspieler, Sprecher und Autor Hans-Jörg Große. Letztes Jahr erhielt er eine Krebsdiagnose und begann im Herbst eine Folge von sechs geplanten Chemotherapiezyklen. Wir schrieben seither intensiver miteinander, teilten uns sehr Persönliches mit, erlebten ein grosses Auf und Ab in seinen Behandlungszyklen im Spital und den anschliessenden Regenerationszeiten zuhause. Ende November forderte ich ihn auf, mir zu sagen, in welchen Farben er mein nächstes Punktebild haben wolle, ich würde es für ihn und in Gedanken an ihn malen. Er wählte Gold auf Gold.

Ich malte es also Gold auf Gold. Es wurde am 4. Dezember fertig und ich nannte es „returning zone“. Hans-Jörg Große mochte das Bild sehr. Ich liebe es auch. Wegen der Metallpigmente spielt es noch stärker im Licht als alle bisherigen Punktebilder und je nachdem, wo man sich dazu befindet, glaubt man ein immer neues Bild vor sich zu haben.

Ende 2015 war sein dritter Chemozyklus abgeschlossen, und zum ersten Mal sahen die Prognosen für seine Heilung besser aus. Wir schäkerten über den Frühling, er traute sich, wieder etwas Pläne zu machen. Noch bis zum 2. Januar 2016 schrieben wir miteinander, dann verstummte er. Das war nicht ungewöhnlich, denn nach jedem Behandlungszklus treten unwahrscheinliche Müdigkeit und Erschöpfung ein, bis sich die Zellen dann wieder erholen.

Am 9. Januar 2016 erhielt ich unerwartet die Nachricht von seinem Tod.  Er starb im Krankenhaus, auf der Intensivstation, nicht an Krebs, sondern an den Folgen einer Sepsis am Bein. Hans-Jörg Große wäre kommenden Mai 53 geworden. Im Alter von 18 Jahren wurde er von der Stasi für neun Monate in Bitterfeld eingesetzt, das erfuhr ich erst nach seinem Tod.  Was ihn so besonders machte, kann ich kaum in Worte fassen. Ich glaube, es war sein Seelenmut, seine kreative Fülle und Ausrichtung auf die feinen Töne des Lebens, die er trotz so viel Traumatisierung lebte. Die Melancholie war allerdings immer auch da. Er hat unter anderem sehr viele Kafka-Texte vertont. Man findet sie auf seiner Website, genauso wie seine Aphorismen und Texte.“

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Quelle & Bildnachweis: Publiziert auf der puck – das werk der vierzehn tage

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