Archiv der Kategorie: Streifschüsse

Die Sanfte

Die Sanfte
(2. Erzählung der autobiographischen Sammlung „Streifschüsse“)

 

Ein Name. Aus unzähligen Mündern tröpfelte er an diesem Morgen. Die Gesichter, zu denen die Münder gehörten, zeigten Betroffenheit und Trauer, hier und da aber auch die verräterische  Hautrötung der Sensationsgier, die es danach drängt, Einzelheiten zu erfahren und weiter zu verbreiten.  Darin unterschieden sich die jungen nicht von den alten Gesichtern. Schülergesichter und Lehrergesichter.
Zu dem Namen, der durch die Schulkorridore waberte und von den Wänden der Klassenzimmer widerhallte, gesellten sich Wortfetzen. Ich brauchte nicht viel mehr um zu verstehen, dass jemand gestorben war.
Ein „Hast du schon gehört?“ machte  es für mich überflüssig, die Frage zu stellen. Wieder wurde der Name genannt. Es war der Name einer Frau. Einer Frau, die sich entschlossen hatte, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Eine offensichtlich sehr junge Frau, denn noch vor wenigen Jahren sei sie auf unserer Schule gewesen.
Es folgten Spekulationen über das Warum und eine erstaunlich genaue Schilderung des Wie.
„Du kanntest sie doch!“ hieß es abschließend. Die erwartungsvollen Blicke, die dann auf mir ruhten, schienen um Erschütterung und vielleicht noch weitere Details zu betteln.
Ich werde gewiss eine betretene Miene gemacht haben, wie es sich für den Anlass eben gehörte, aber von einer Erschütterung  spürte ich nichts. Wie auch? Ich konnte mit dem Namen einfach nichts anfangen.  Sicher, sehr tragisch das alles. Es berührte mich auch irgendwie, aber ich hatte keine Ahnung, wer die Arme war.  Da konnte man sie mir noch sooft beschreiben und behaupten, ich würde sie gekannt haben.
Der Unterricht begann, und es kehrte innerhalb weniger Stunden eine gewisse Normalität ein.  Schon in der nächsten Pause beherrschten die üblichen Themen die Gespräche.
Ich grübelte währenddessen noch eine Weile vor mich hin und versuchte, dem Namen ein Gesicht zu geben. Vergeblich.
Dann kam sie, die Erschütterung! Mit voller Wucht traf mich die Erkenntnis mitten im Unterricht.
Ja, ich kannte sie! Sie war eine von den „Großen“, also ein paar Klassen über mir. In den Hofpausen riefen mich die großen Mädchen manchmal zu sich und ließen mich für sie singen. Dann nannten sie mich (was ich nur ungern zugebe) Heintje oder, wegen meiner hellblonden Haare, auch Heino. Oder sie lachten über meine Witze, die ich damals noch erzählen konnte.  Wenn ich früher Schulschluss hatte als sie, gaben sie mir einen Groschen, für den ich im benachbarten Gemüseladen Sauerkraut aus dem Fass für sie kaufen sollte. Meistens blieb ihnen dann keine Zeit, es zu essen. Dann schenkten sie es mir. Ich stopfte mir das Sauerkraut in meinen Kindermund, während die Papiertüte langsam aufweichte und der Saft auf meinen Pullover tropfte.
Eines der Mädchen war sie. Man sah ihr an, dass sie eine von den Klugen war. Ich mochte sie. Wenn wir gleichzeitig Schluss hatten, machte ich manchmal einen Umweg, um sie nach Hause zu begleiten. Traf ich sie zufällig auf der Straße, gingen wir ein Stück zusammen. Sie war immer sehr freundlich und sprach mit mir nie wie mit dem albernen Kind, das ich war, sondern so, als wäre ich ein ihr ebenbürtiger Gesprächspartner. Instinktiv benahm ich mich dann auch viel reifer, als ich eigentlich war.
Auch als wir älter wurden, unterhielten wir uns gern. Aus ihr war, nachdem sie die Schule verlassen hatte, eine schöne junge Frau geworden. Es war nicht die aufreizende Schönheit, die die Männer dazu bringt, sich umzudrehen oder pubertäre Jünglinge einlädt, anzügliche Bemerkungen zu machen. Da war etwas Sanftes in ihrem Wesen, das sie vor billiger Anmache bewahrte. Gleichwohl wirkte sie alles andere als distanziert oder kühl. Man brauchte sich gar nicht verstohlen umzudrehen, sondern konnte ihr offen ins Gesicht blicken. Und wenn sie dann lächelte, war der Tag ein wenig schöner, als er es sonst gewesen wäre.
Wir waren keine Freunde. Wenn wir uns nach ihrer Schulzeit trafen, dann immer nur zufällig. Dann unterhielten wir uns. Wenn es die Zeit zuließ, begleitete ich sie noch immer gern nach Hause. Verabredet oder gar gegenseitig besucht haben wir uns nie.
Ich wusste eigentlich nicht viel von ihr, dazu waren unsere Begegnungen zu selten. Ich freute mich einfach nur, wenn ich sie sah, und ihr ging es, wie ich glaube, ebenso. Zu dem Wenigen, was ich über sie wusste, gehörte, dass sie studierte.
Bei unserer letzten Begegnung war das Studium auch eines unserer Gesprächsthemen. Es war eine dieser Zufallsbegegnungen. Ich hatte sie schon längere Zeit nicht gesehen und freute mich, als sie mich zu einem kleinen Spaziergang einlud, der vor ihrer Haustür endete.
Sie war freundlich und offen wie immer. Etwas aber war anders. Es war das erste Mal, dass ich sie etwas Negatives sagen hörte. Ich erzählte ihr stolz und glücklich, dass ich bald ein ähnliches Studium wie sie beginnen würde. Ich war im letzten Schuljahr und hatte den Studienplatz kurzfristig zugesprochen bekommen. Sie teilte meine Freude nicht. Mit einem melancholischen Lächeln, das mir fast mitleidig zu sein schien, meinte sie, ich solle auf mich aufpassen, sie hätte in ihrem Studium Enttäuschungen erlebt, die sie mir nicht wünschen würde.
Ich schenkte dem nicht viel Beachtung. Wir plauderten noch ein Weilchen, dann verabschiedeten wir uns herzlich. Ich winkte ihr noch ein letztes Mal zu, bevor sie die Haustür hinter sich verschloss.
Das war unsere letzte Begegnung. Am nächsten Morgen kam ich in die Schule und konnte einem Namen kein Gesicht zuordnen. Ihrem Namen.
Ich weiß nicht, welcher Mechanismus mich stundenlang daran hinderte, das Offensichtliche zu begreifen.
Sie musste gewusst haben, dass unser Spaziergang ihr letzter sein würde. Den letzten Weg aber ist sie allein gegangen.
Bis heute habe ich mit niemandem darüber gesprochen. Was hätte das auch gebracht? Wir waren keine Freunde. Ich wusste wenig von ihr. Es steht anderen zu, die Geschichte ihres Lebens zu erzählen.
Wir sind uns nur hin und wieder zufällig begegnet. Sie war eine Sanfte. Ich mochte sie.

(CC) Hans-Jörg Große, 2015

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Der Lügner

Der Lügner
(1. Erzählung der autobiographischen Sammlung „Streifschüsse“)

 

Warum gerade er mir als Erster in den Sinn kommt bei meinem Versuch, in den Puzzleteilchen meines bisherigen Lebens zu kramen, vermag ich nicht zu sagen.
Nur selten denke ich an ihn. Heute jedenfalls hat er sich vor alle anderen bedeutenden und unbedeutenden Erinnerungen gedrängelt. Das passt zu ihm, oder besser gesagt, zu dem vorlauten Kind, das für eine Weile mein bester Freund sein sollte.
Wir kannten uns bereits seit der Einschulung. Er war nur wenige Tage älter als ich. Vermutlich waren wir uns schon als Neugeborene begegnet, denn unsere Mütter warteten im selben Krankenhauszimmer auf ihre Niederkunft.
Obwohl wir also kurz hintereinander das Licht der Welt bzw. die Lampen desselben Kreißsaales erblickten, verband uns in den ersten Kinderjahren wenig. Er war ein Klassenkamerad, nicht mehr und nicht weniger.
Gegensätzlicher hätten wir auch kaum sein können. Schon rein äußerlich waren wir völlig unterschiedliche Typen. Er war kleiner als ich, hatte dunkles Haar und ein Gesicht, dass einen weit entfernten Vorfahren aus einem ebenso weit entfernten Land des Südens erahnen ließ. Ich dagegen war ein blassblonder Junge, schüchtern und ungelenk.
Schüchtern war er nun ganz und gar nicht. Obwohl er nicht gerade der Größte war, sorgte er selbstbewusst dafür, dass man ihn nicht übersah. Hinzu kam, dass er sehr sportlich war, wovon bei mir so gar keine Rede sein konnte.
Und doch war es ausgerechnet der Sport, der den Grundstein für unsere Freundschaft legte.
Ich muss ungefähr elf Jahre alt gewesen sein, als ich beschloss, der weltbeste Judoka zu werden. Um es vorweg zu nehmen: Ich bin es nicht geworden, und auch ansonsten flocht mir die Sportwelt keine Lorbeerkränze.
Jedenfalls ging ich hoffnungsvoll und wohl auch ein wenig ängstlich zum ersten Training. Und da war er. Am liebsten wäre ich im Boden versunken, dachte ich doch schon mit vorauseilender Scham an den nächsten Schultag, an dem er sicherlich genüsslich von meinem sportlichen Versagen berichten würde.
Zu meiner Überraschung blieb der erwartete Spott jedoch aus. Stattdessen stellte er mich den Trainingskameraden vor und half mir über Unsicherheit und Verlegenheit hinweg.
Bereits am nächsten Tag wurden wir Banknachbarn in der Schule und blieben es in den nächsten Jahren. (Einige Lehrer zogen es allerdings vor, uns der Ruhe wegen gelegentlich zu trennen.)
Nach dem Training nahm er mich immer mit zu sich nach Hause, auch an den Tagen dazwischen besuchte ich ihn oft und blieb nicht selten bis nach dem Abendessen.
Seine Eltern waren immer sehr herzlich zu mir. Er war ein Einzelkind und ziemlich verwöhnt, teilte aber gern. Er besaß an materiellen Dingen vieles, von dem ich nur träumen konnte, aber das war nebensächlich. Vielmehr genoss ich die familiäre Geborgenheit, die mir bei meinen Besuchen zuteil wurde.
Aber da war noch etwas, was mich an meinem Freund faszinierte: Wenn ich mit ihm durch die Gegend stromerte, log er, dass sich die Balken bogen. Es waren aber keine plumpen Lügen, die irgend einem unguten Zweck oder der Vertuschung einer Schandtat dienten. Nein, es waren großartige Geschichten, die seiner blühenden, noch kindlich reinen Phantasie entsprangen. Leider erinnere ich mich nicht mehr an Einzelheiten. Ich weiß nur noch, dass er zum Beispiel von einem Telefon sprach, durch das man Geld schicken könne  (und das Mitte der siebziger Jahre, in einem Land, in dem es nicht viele Telefone gab). Mit mancher seiner Phantastereien war er also vielleicht der Zeit nur voraus.
Ich nehme an, das war noch eine der unspektakulärsten Geschichten, die er mir erzählte.
Immer bestand er auf den Wahrheitsgehalt seiner Erzählungen. Freilich ließ ich nie den geringsten Zweifel erkennen und stimmte jedem seiner Worte mit unverhohlenem Staunen zu. Niemals hätte ich riskiert, mich um den Genuss seines Geflunkers und seinen Redefluss zum Versiegen zu bringen.
Es war eine stille Übereinkunft, denn ich glaube, er wusste genau, dass ich ihn durchschaute, so wie ich eben wusste, dass er phantasierte. Das auszusprechen aber hätte den Zauber mit Sicherheit zerstört.
Ein paar Jahre später, es werden zwei oder drei gewesen sein, wurde er an eine andere Schule versetzt. Die Treffen wurden seltener, ich beendete zudem meine kurze „Sportlerkarriere“, neue Freundschaften entstanden.
Als ich dann meine Heimatstadt verließ, verloren wir uns völlig aus den Augen.

Viele Jahre später erfuhr ich, dass er bei einem Motorradunfall tödlich verunglückt war.
Heute aber hat er sich noch einmal sehr lebendig in meine Erinnerung gedrängelt und mich mit seinen wunderbaren Lügengeschichten zum Lächeln gebracht.

(CC) Hans-Jörg Große, 2015

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Streifschüsse

Unter der Rubrik „Streifschüsse“ wird der Leser kleine Erzählungen finden, die sich von den anderen Geschichten insofern unterscheiden, dass sie einen autobiographischen Hintergrund haben.
Dabei wird es weder eine chronologische, noch eine thematische Reihenfolge geben.
Namen und Orte werde ich in der Regel verfremden, ansonsten aber so nah an der Wirklichkeit bleiben, wie es die trügerische Erinnerung zulässt.
Mancher Erinnerungssplitter, der bei dieser Reise in die Vergangenheit zum Vorschein kommt, wird leicht sein, ein anderer schwerer wiegen, der Eine wird scharfe Kanten haben, der Andere sich zum Handschmeichler eignen.
Wir alle haben schon „Streifschüsse“ abbekommen. Manchen davon nehmen wir kaum wahr, ein anderer sorgt nur für einen kleinen Kratzer, der schnell verheilt, und der nächste hinterlässt eine Wunde, die schmerzt und Narben bildet, die irgendwann nur noch ein wenig jucken, wenn das Wetter wechselt. Im ungünstigen Fall können sie sich entzünden und uns noch lange zu schaffen machen. Aber wir haben überlebt und wissen, es hätte schlimmer kommen können.
Das Leben ist manchmal tragisch, manchmal komisch und manchmal ziemlich banal. Es kann von atemberaubender Schönheit sein, uns aber auch mit hässlichen Grimassen erschrecken.  All das wird sich auch in meinen Geschichten widerspiegeln. Und vielleicht geben sie dem Leser einen Anstoß, in den eigenen Erinnerungen zu kramen. Es kann sein, dass er dabei auf alte Schätze stößt, die nur darauf gewartet haben, entstaubt zu werden.

Viel Freude beim Lesen wünscht

Hans-Jörg Große

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