Archiv der Kategorie: Lyrik

Die Frau, der Hass und die Liebe

Er schreit sie an und spuckt auf sie.
Er lässt sich bedienen, ihr hilft er nie.
Durch ihn litt sie Schmerzen, doch er fühlt keine Schuld.
Sie ist am Ende mit ihrer Geduld.

Und will sie ermattet ins Kissen sinken,
dann schreckt er sie auf und verlangt was zu trinken.
Sie hasst ihn und will nicht mehr länger leiden.
„Bald schon“, so denkt sie „lass ich mich scheiden.“

***
Er schreit sie an und spuckt auf sie.
Er lässt sich bedienen, ihr hilft er nie.
Durch ihn litt sie Schmerzen, doch er fühlt keine Schuld.
Sie umsorgt ihn mit einer Engelsgeduld.

Und will sie ermattet ins Kissen sinken,
dann schreckt er sie auf und verlangt was zu trinken.
Sie liebt ihn und denkt sich: „Das schaffen wir schon.“
Dann geht sie zur Wiege und küsst ihren Sohn.

© Hans-Jörg  Große (2015)

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Der Streit

Es stritt das Ja sich mit dem Nein
und jedes will der Sieger sein.
Man hörte, wie das Ja laut rief:
„Warum bist du so negativ?“

Das Nein sprach wütend: „Du Idiot,
für dich ist alles rosarot.
Ich sehe großes Unheil nahen,
doch du wirst wohl auch das bejahen.“

Das Ja versetzte: „Dummes Nein,
kannst du denn niemals milde sein?
Du schüttelst immer nur den Kopf
und bist ein alter Sauertopf!“

So ging es hin und ging es her,
das Eine macht’s dem Andern schwer.
Doch keines hat sein Ziel erreicht:
Am Ende siegte das Vielleicht.

© Hans-Jörg  Große (2015)

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Der Mann

Müde Augen, bleiche Wangen,
hohe Stirn, die Falten tief,
blickt er zu mir, lässt mich bangen,
wie ein Geist, den ich nicht rief.

Dieser Anblick lässt mich stöhnen,
finster schaut der Kerl mich an,
will mich offenbar verhöhnen.
Warum quält mich dieser Mann?

Einen Blick will ich noch wagen,
dieser Typ macht mich ganz wild.
Und ich höre mich laut sagen:
„Weiche von mir, Spiegelbild!“

© Hans-Jörg  Große (2015)

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Ich will

Ich will mit dem Wind um die Wette rennen,
an vorlauten Worten den Mund mir verbrennen.
Ich nehme das Glück in die eigene Hand
und geh mit dem Kopf durch die härteste Wand.

Ich will gegen alle Ängste ansingen,
die Schneekönigin zum Schmelzen bringen.
Ich lasse mir goldenes Haupthaar einpflanzen
und werde mit falschen Prinzen tanzen.

Ich will mit der nackten Venus baden,
sie auf eine Reise zum Mars einladen.
Ich zieh in den Kampf und bezwinge den Drachen:
Schallend
werd‘ ich ihn niederlachen.

Ich will blonde Küsse ohne Bereuen,
mich einfach nur so meines Lebens freuen.
Ich klau mir das Pferd vom Goldenen Reiter,
und endet der Weg, reit‘ ich einfach weiter.

© Hans-Jörg  Große (2015)

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Schöne Lügen

Schöne Lippen, schöne Lügen,
schöne Augen, schöner Schein,
schöne Worte, wie sie trügen,
schön der Lüge langes Bein.

Heiße Lippen, heiße Spiele,
heißer Atem, heiße Haut,
heiße Küsse, ach so viele,
heiß im Spiel, doch nicht vertraut.

Trockne Lippen, trockne Kehle,
trockne Tränen, trockner Wein,
trockner Husten, wunde Seele,
trockne Worte, dann allein.

© Hans-Jörg  Große (2014)

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Noch einmal

Noch einmal lässt er die Blicke schweifen,
als könnte er es mit den Augen begreifen.
Er kann keinen klaren Gedanken fassen,
da ist keine Liebe, da ist auch kein Hassen.

Noch einmal wird sein Verlangen groß,
er denkt an die Nächte Schoß an Schoß.
Verzweifelt sucht er das richtige Wort
und wünscht sich an einen anderen Ort.

Noch einmal hört er die Wanduhr ticken
und hat das Gefühl, er müsse ersticken.
Er kann das Geräusch kaum noch ertragen
und würde am liebsten das Uhrwerk zerschlagen.

Noch einmal tut ihm ihr Lächeln weh,
er schwitzt, doch der Schweiß ist kälter als Schnee.
Laut rauscht das Blut ihm in den Ohren.
Wann haben sie sich bloß verloren?

Noch einmal geht er durch die Räume,
hier lebten und starben gemeinsame Träume.
Den Schlüssel noch schnell auf den Tisch gelegt;
sie hat sich die ganze Zeit nicht bewegt.

Noch einmal sagt er: „Ich danke dir.“
Noch einmal geht er durch diese Tür.
Im Treppenhaus bleibt er minutenlang stehn;
er weiß, er wird sie nie wiedersehn.

© Hans-Jörg  Große (2014)

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Frühling

Vorbei ist’s mit der Winterruh,
dem Letzten dies nun dämmert.
Ergriffen sagt das Schaf zur Kuh:
„Ich bin ganz schön belämmert.“

Ein Käfer sucht nach Leckerein
in einer Blütenschüssel
und saugt den süßen Nektar ein
mit seinem Käferrüssel.

Das Igelpaar, so gar nicht brav,
genießt in vollen Zügen,
erfrischt vom langen Winterschlaf,
sein stachliges Vergnügen.

Der Hahn kräht fröhlich in die Welt,
gibt mit dem Nachwuchs an;
ein Kind wie aus dem Ei gepellt,
das hat nicht jedermann.

Der Frühling lädt zum Feiern ein,
sogar die Sonne lacht.
Wir wollen beieinander sein,
wenn die Natur erwacht.

© Hans-Jörg  Große

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Bild: Heinrich Vogeler ~ Frühling (1913) ~ Quelle: Wikimedia Commons
Bild: Heinrich Vogeler ~ Frühling (1913) ~ Quelle: Wikimedia Commons

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Spießrutenlauf

Ich geh meinen Weg
wie auf tönernen Füßen,
als wär‘ es
ein einsamer Spießrutenlauf.

Der mickrige Flieder
winkt traurig herüber,
die Blüten nicht weiß mehr
und auch noch nicht braun.

Irgendein Vogel,
den ich nicht kenne,
hebt sich sein Singen
für später auf.

Ein betrunkener Hüne
verhakt sich am Bordstein;
er sieht bedrohlich
und lächerlich aus.

Mich peitscht zwischen Wänden
gealterter Häuser
ein Trommelfell beißendes
Hundegebell.

Nur kurz sehe ich
ein Blaulicht aufzucken;
es geht wohl mal wieder
um Leben und Tod.

Schlaflos daheim
spuckt die Nacht mich bald aus.
Stumm grüß ich
den aschfahlen Morgen.

Und geh meinen Weg
wie auf tönernen Füßen,
als wär‘ es
ein einsamer Spießrutenlauf.

© Hans-Jörg  Große (2014)

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